Allein durch Syrien: elf Tage zwischen Damaskus, Palmyra und Aleppo
Elf Tage allein durch Syrien: Milan reist über Damaskus, Palmyra und Homs bis nach Hama und Aleppo und berichtet von besonderen Begegnungen und spontanen Umwegen.

Milan
Guide & Expeditionsplanung

Im Dezember 2025 reiste ich von Amman aus über Land nach Syrien. Elf Tage war ich allein unterwegs, von Damaskus über Palmyra und Homs bis nach Hama und Aleppo. Ich wollte das Land selbst erleben, mit Menschen sprechen und herausfinden, wie eine solche Reise zu diesem Zeitpunkt überhaupt möglich war.
Durch meine Reisen in den Irak und unsere Kurdistan-Expedition kannte ich die Region bereits. Syrien war trotzdem etwas ganz anderes. Vieles funktionierte, manches wirkte improvisiert und einige Situationen ließen sich kaum im Voraus einschätzen. Genau diese Mischung prägte meine gesamte Reise.
Von Amman über die Grenze nach Damaskus
Meine Reise nach Syrien begann mit einem Flug nach Amman. Von dort fuhr ich weiter zur jordanisch-syrischen Grenze. Schon der Grenzübertritt war einer dieser Momente, bei denen ich sofort merkte, wie wenig hier gerade eingespielt war. An einer Wand hing ein ausgedrucktes DIN-A4-Blatt mit dem Wort „Visa". Das war im Grunde die einzige klar erkennbare Information zum Einreiseverfahren.
Auch die Registrierung wirkte noch nicht vollständig organisiert. Vieles schien erst im Entstehen zu sein. Für mich funktionierte die Einreise an diesem Tag, aber es war offensichtlich, dass ich mich nicht auf klar geregelte Abläufe verlassen konnte. Es gab einen Weg, doch niemand hätte mir garantieren können, dass er am nächsten Tag noch genauso funktionieren würde.
Von der Grenze ging es weiter nach Damaskus. Dort lernte ich schnell viele Menschen kennen. Einige sprachen überraschend gut Deutsch, andere wollten wissen, woher ich kam und warum ich allein durch Syrien reiste. Gespräche entstanden häufig spontan, etwa beim Betreten eines Geschäfts oder während eines Friseurbesuchs.
Auf der Straße fiel ich zunächst kaum auf. Es war Dezember, ich trug lange Kleidung und meistens eine Mütze. Erst wenn ich mit jemandem sprach, wurde deutlich, dass ich nicht aus Syrien kam. Häufig begann genau in diesem Moment eine Unterhaltung. Manche Menschen hatten selbst in Deutschland gelebt, andere hatten Verwandte oder Freunde dort. Dadurch sprach ich während meiner Syrienreise deutlich häufiger Deutsch, als ich erwartet hatte.
Neben diesen alltäglichen Begegnungen waren die Folgen des Krieges nicht zu übersehen. Besonders deutlich wurde das im Stadtteil Jobar. Große Teile des Viertels waren zerstört. Einige Gebäude waren schwer beschädigt, von anderen standen nur noch einzelne Teile. Zwischen diesen Ruinen zu laufen, war etwas vollkommen anderes, als solche Bilder auf einem Bildschirm zu sehen.
Gleichzeitig ging das tägliche Leben in anderen Teilen von Damaskus weiter. Menschen öffneten ihre Geschäfte, gingen arbeiten, ließen sich die Haare schneiden und nahmen sich Zeit für ein Gespräch mit einem Fremden. Gerade dieser schnelle Wechsel zwischen massiver Zerstörung und scheinbar gewöhnlichem Alltag begleitete mich durch fast das ganze Land.
Auch organisatorisch blieb die Reise schwierig. Das Internet funktionierte häufig schlecht und eine syrische SIM-Karte zu bekommen, war komplizierter als erwartet. Ich konnte mich deshalb nicht darauf verlassen, jederzeit eine Unterkunft, eine Verbindung oder den nächsten Transport online zu finden. Vieles musste ich direkt vor Ort klären. Während der gesamten elf Tage begegnete ich außerdem nur sehr wenigen anderen ausländischen Reisenden.
Allein in Palmyra und besondere Begegnungen in Homs
Von Damaskus reiste ich weiter nach Palmyra. Dieser Besuch wurde zum surrealsten Moment meiner Reise.
Nur wenige Tage zuvor hatte es in der Nähe von Palmyra einen tödlichen Angriff gegeben. Als ich die antike Ruinenstadt erreichte, sah ich keinen einzigen anderen Besucher. Ich stand allein zwischen den Säulen und Überresten einer Stadt, die einmal zu den bedeutendsten Zentren der Region gehört hatte.
Es war kalt. Einzelne Sonnenstrahlen fielen zwischen den Ruinen hindurch und ich lief im Pullover durch die Anlage. Zusätzlich war ich während fast der gesamten Reise leicht erkältet. Trotzdem hatte ich mich sehr auf Palmyra gefreut.
Die Mischung aus Vorfreude, Kälte, völliger Leere und der zeitlichen Nähe zu dem Angriff machte die Situation schwer greifbar. Es fühlte sich nicht wie der Besuch einer gewöhnlichen Sehenswürdigkeit an. Dafür war der Ort zu still und die gesamte Situation zu ungewöhnlich. Ich hatte Palmyra nicht bewusst für mich allein gesucht. An diesem Tag war ich aber tatsächlich der einzige Besucher, den ich dort sah.
Von Palmyra ging es weiter nach Homs. Dort traf ich Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten, darunter auch Journalisten. Viele Gespräche gingen schnell über den üblichen Smalltalk hinaus. Die Menschen erzählten von ihrem Alltag, ihren Familien und den Erwartungen, mit denen sie in ihrem Umfeld lebten.
Besonders in Erinnerung blieb mir ein Mann, der mir erzählte, dass er Atheist sei. Nur seine engsten Freunde wussten davon. Gegenüber seiner Familie konnte er nicht offen damit umgehen. Während des Ramadan musste er nach außen den Eindruck erwecken, sich an die religiösen Regeln zu halten.
Ich begleitete ihn eine Zeit lang und erfuhr, dass er sich für Waisenkinder und Straßenhunde engagierte. Gerade das machte die Begegnung für mich besonders. Innerhalb seiner Familie konnte er einen wichtigen Teil seiner eigenen Überzeugung nicht zeigen. Gleichzeitig setzte er sich mit viel Energie für Menschen und Tiere ein, die Unterstützung brauchten.
Von Homs wollte ich außerdem zur Kreuzritterburg Krak des Chevaliers. Für den Hinweg nahm ich einen geteilten Minivan. Solche Sammeltaxis waren eine der praktischsten Möglichkeiten, zwischen den Städten und kleineren Orten zu reisen.
Zurück nach Homs wollte ich per Anhalter fahren. Ein Taxifahrer versuchte zunächst, mich doch noch als Fahrgast zu gewinnen, doch ich blieb bei meinem Plan. Schließlich hielt ein Syrer an, der international tätig war und sehr gut Englisch sprach.
Aus einer einfachen Mitfahrgelegenheit entwickelte sich eine der persönlichsten Begegnungen meiner Reise. Er lud mich zu sich ein und ich übernachtete bei ihm und seiner Familie. Noch am selben Morgen hatte ich nicht gewusst, wie ich von der Burg zurückkommen würde. Wenige Stunden später saß ich bei Menschen, die ich vorher nicht gekannt hatte, und wurde selbstverständlich als Gast aufgenommen.
Solche Situationen blieben mir stärker in Erinnerung als viele Sehenswürdigkeiten. Sie entstanden nicht durch eine geplante Tour oder eine gebuchte Aktivität, sondern allein dadurch, dass ich unterwegs war und mich auf eine Begegnung einließ.
Über Hama nach Aleppo und eine ungeplante Rückreise
Nach Homs führte meine Route weiter nach Hama. Die Stadt wirkte auf mich deutlich weniger zerstört als Jobar und einige der anderen Orte, die ich zuvor gesehen hatte. Hama war eine schöne und vergleichsweise ruhige Station. Nach den intensiven Eindrücken der vorherigen Tage fühlte sich die Stadt beinahe wie eine kurze Pause an.
Die letzte große Station meiner Reise war Aleppo. Dort traf ich den jüngeren Bruder von Freunden und Bekannten. Gemeinsam waren wir in verschiedenen Teilen der Stadt unterwegs.
Auch in Aleppo lagen Alltag und Zerstörung unmittelbar nebeneinander. In manchen Gegenden bewegte ich mich relativ entspannt. In anderen Bereichen fühlte ich mich unsicherer und war deutlich vorsichtiger. Es gab keinen einzelnen Moment, in dem ich ständig das Gefühl einer unmittelbaren Gefahr hatte. Dennoch war spürbar, dass nicht jeder Teil der Stadt gleich einzuschätzen war.
Ich lief durch zerstörte Viertel, sah aber ebenso geöffnete Geschäfte, Restaurants und Menschen, die ihrem Alltag nachgingen. Ich aß sehr gut, führte viele Gespräche und lernte erneut Menschen kennen, die sich Zeit für mich nahmen. Oft reichten wenige Sätze, bis aus einer zufälligen Begegnung ein längeres Gespräch wurde.
Selbst meine Rückreise verlief schließlich nicht wie geplant. Mein Flug wurde gestrichen und ich musste kurzfristig umplanen. In dieser Situation lernte ich einen Deutsch-Syrer kennen, der in Deutschland lebt. Gemeinsam verbrachten wir eine zusätzliche Nacht im Hotel. Am nächsten Tag konnten wir schließlich über Istanbul zurückfliegen.
Auch dieses ungeplante Ende passte zu den vorherigen elf Tagen. Kaum etwas verlief vollkommen berechenbar. Gleichzeitig führte fast jede Planänderung zu einer neuen Begegnung.
Von meiner Reise nach Syrien sind mir deshalb nicht nur die bekannten Orte geblieben. Ich erinnere mich an den DIN-A4-Zettel an der Grenze, die zerstörten Häuser von Jobar, die völlige Stille in Palmyra, das Gespräch mit dem Atheisten in Homs, den geteilten Minivan zur Kreuzritterburg und die spontane Übernachtung bei einer Familie, die ich wenige Stunden zuvor noch nicht gekannt hatte.
Ich sah massive Zerstörung und erlebte Gegenden, in denen ich mich unsicher fühlte. Gleichzeitig begegnete ich offenen, hilfsbereiten und neugierigen Menschen. Beides gehörte zu dieser Reise und beides wäre für sich allein keine vollständige Beschreibung dessen, was ich erlebt habe.
Meine Reise fand in einem bestimmten Zeitfenster im Dezember 2025 statt. Dass sie für mich damals machbar war, bedeutet nicht, dass dieselbe Route heute unter vergleichbaren Bedingungen möglich wäre. Die Lage und die Einreisebestimmungen können sich kurzfristig verändern.
Hinweis zur Sicherheit: Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen nach Syrien. Dieser persönliche Syrien-Reisebericht beschreibt meine Erfahrungen im Dezember 2025 und ist keine Empfehlung, die Reise nachzumachen.








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