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Spitzbergen
7 Min. Lesezeit

Reise nach Spitzbergen: mit dem Schneemobil zwischen Eishöhle und sowjetischer Geisterstadt

Vorbereitung entscheidet: zwischen Whiteout, einer vergessenen Eishöhle und der russischen Siedlung Barentsburg, weil das Eis nach Pyramiden nicht trug.

Jan

Jan

Guide & Buchung

Weites Bergpanorama mit gefrorenem Fjord auf Spitzbergen unter blauem Himmel

Ein enger Freund war mehrere Monate am Universitätszentrum in Longyearbyen, kurz UNIS. Der Besuch bei ihm war der Anlass für diese Reise. Im März 2026 bin ich über Oslo nach Spitzbergen geflogen. Spitzbergen ist kein Ziel, das man spontan bucht: Die Anreise geht nur per Flugzeug, und Straßen gibt es nur in und um die Orte, nicht dazwischen. Dass ich jemanden vor Ort hatte, hat die Reise erst möglich gemacht, denn im Winter kommt man aus Longyearbyen nur mit Ausrüstung, Eisbärenschutz und Ortskenntnis wirklich heraus.

Am ersten Nachmittag habe ich umgepackt und bin dann zu Fuß hinunter zum Adventfjord gegangen. Die Berge rings um den Ort liegen vollständig unter Schnee. Busverkehr gibt es praktisch keinen, Autos dagegen erstaunlich viele für einen so abgelegenen Ort. Wo die Straße endet, fährt man im Winter Schneemobil, auch Studierende besitzen eines. Am Wasser liegen noch die Reste eines alten Verladekais aus der Bergbauzeit im Eis. Longyearbyen existiert wegen der Kohle: gegründet 1906 vom Amerikaner John Munro Longyear mit seiner Arctic Coal Company, zehn Jahre später an eine norwegische Gesellschaft übergegangen. Die alten Bergbauanlagen stehen noch, denn auf Spitzbergen gilt alles, was vor 1946 entstanden ist, automatisch als Kulturdenkmal. Heute lebt der Ort stark von der Wissenschaft: Das Universitätszentrum gibt es seit 1993, für einen Ort mit rund 2.500 Einwohnern ist es sehr groß.

Vor jeder Fahrt wird der Schneemobilanzug angepasst, mit einer klaren Regel: keine freie Hautstelle, nicht am Handgelenk, nicht zwischen Sturmhaube und Brille. Dazu gehen wir Wetterkarten und Routen durch. Sobald man die Siedlung verlässt, ist wegen der Eisbären immer ein Gewehr dabei, die streng geschützten Tiere sind auf Spitzbergen die eigentlichen Herrscher. Wird ein Bär erschossen, untersucht der Sysselmester, Norwegens Gouverneur für die Inselgruppe, den Fall. Im Ernstfall gilt eine feste Reihenfolge: zuerst die Knallpatrone, laut genug, um einen Bären zu vertreiben, das Gewehr ist die letzte Instanz.

Schon beim ersten Ausflug gerieten wir in einen vollständigen Whiteout. Schatten und Kontraste verschwinden, Schnee und Himmel lassen sich nicht mehr unterscheiden, einen Horizont gab es nicht. Danach kamen lange Fahrten über viele Kilometer: Tiefschnee, zugefrorenes Wasser, gefrorene Wasserfälle, Gletscher, streckenweise auf Eis, unter dem Wasser steht. Ein Ziel war eine Eishöhle, meist ein Schmelzwasserkanal im Gletscher, der im Sommer durchflossen wird und nur im Winter begehbar ist. Bei der Höhle, zu der wir gefahren sind, war der Eingang komplett zugeweht, eine Schneewand von etwa fünf Metern, die immer wieder freigelegt werden muss. In der Höhle waren wir allein, manche spannen dort Hängematten auf und übernachten darin.

Eine Fahrt sollte nach Pyramiden gehen, benannt nach einem pyramidenförmigen Berg in der Nähe. Gegründet wurde die Bergbausiedlung von Schweden, 1927 ging sie an die Sowjetunion, 1998 wurde sie aufgegeben und steht seitdem weitgehend leer. Angekommen sind wir dort nicht: Das Eis war nicht dick genug, und der Weg hätte über den Gletscher geführt. Am Abend haben wir umgedreht. Stattdessen sind wir nach Barentsburg gefahren, in die bewohnte russische Siedlung. Benannt ist der Ort nach dem niederländischen Seefahrer Willem Barentsz, der Spitzbergen 1596 erreichte, gegründet hat ihn ein niederländisches Unternehmen, das ihn 1932 an die Sowjetunion verkaufte. Dass heute eine russische Siedlung auf norwegischem Gebiet steht, beruht auf dem Spitzbergenvertrag von 1920: Norwegen ist souverän, die Vertragsstaaten dürfen auf Spitzbergen aber wirtschaftlich tätig sein. Kohle wird dort seit Jahrzehnten gefördert, nach Aussagen vor Ort längst nicht mehr profitabel. Warum man trotzdem bleibt, verstehe ich so: Es geht um strategische Präsenz. Wer einmal abzieht, kommt schwer wieder nach Spitzbergen zurück. Der Ort ist eng, es gibt einen Pub, ansonsten hat jeder sein Eigenes.

Am Ende der Tour wurden die übrigen Patronen kontrolliert abgeschossen, eine letzte Formalität vor der Rückreise. Zwischen Whiteout, Eishöhle und einer Geisterstadt, die wir nicht einmal erreicht haben, habe ich eine Seite der Welt gesehen, die kaum ein Reisender zu Gesicht bekommt. Spitzbergen im Winter ist kein Reiseziel für zwischendurch, sondern eine Region, die sich ohne Vorbereitung und Ortskenntnis nicht öffnet.

Guide mit Gewehr über der Schulter vor einem Schneemobil im Nebel auf Spitzbergen
Reihen abgestellter Schneemobile am Ortsrand von Longyearbyen vor schneebedeckten Bergen
Schneemobilfahrer als winziger Punkt vor golden beleuchteten Bergketten auf Spitzbergen in der Abenddämmerung
Wrack eines alten Sternmotor-Flugzeugs im Schnee an der Küste von Spitzbergen
Grün gestrichenes Holzhaus mit orthodoxem Kreuz in der russischen Siedlung Barentsburg bei Sonnenuntergang
Reste eines alten hölzernen Verladekais im Schnee am Ufer eines Fjords auf Spitzbergen

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